Ergun Can: „Vom Bosporus zum Nesenbach“
Buchvorstellung am 7. Dezember

Remigration. Die rechtsradikale AfD redet inzwischen offen davon, Menschen, die vor Jahrzehnten zu uns gekommen sind, wieder aus ihrer neuen Heimat vertreiben zu wollen. Führende CDU- und CSU-Politiker, ja sogar der Bundeskanzler möchten das „Stadtbild“ in unseren Innenstädten wieder ändern. Eine kaum verklausulierte Chiffre für die Remigrationsforderung der Ultrarechten.
Schramberg. Bei all den Diskussionen um die Probleme der Asylbewerber, Flüchtlinge und Migranten werde „allzu leicht…vergessen, mit welchem Erfolg eine riesengroße Zahl jener zugewanderten Menschen zum Gedeihen unserer gemeinsamen Gesellschaft beiträgt“. Das schreibt der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG Edzard Reuter im Vorwort zu einem Buch von Ergun Can. Reuter, vor einem Jahr in Stuttgart gestorben, war eng mit Ergun Can befreundet.
„über die Schiltach“
„Vom Bosporus zum Nesenbach“ hat Can sein Erinnerungs-Buch betitelt. Er hätte auch noch ein „über die Schiltach“ einfügen können, denn seine Kindheit und jungen Jahre verbrachte er in Schramberg. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration, wie sie Reuter in so riesengroßer Zahl in unserem Land beobachtet hat.
Ergun kam 1958 in Kartal, einem Istanbuler Stadtteil zur Welt. Sein Großvater betrieb ein kleines Lebensmittelgeschäft. Erguns Eltern wohnten in demselben Haus: „Drei Generationen unter einem Dach.“
Anfang der 60er Jahr hat der Laden die Großfamilie nicht mehr ernährt. Seine Mutter sei damals „die treibende Kraft“ gewesen, dass sich sein Vater im Rahmen des Anwerbeabkommens mit Deutschland um Arbeit in Deutschland bewirbt. „1962 ist mein Vater allein nach Deutschland gegangen“, erzählt Can beim Gespräch im Hirschbrunnen-Café.
Vater schaffte auf dem Bau
Damals habe ein Bekannter aus dem Viertel schon in Schramberg bei einer Baufirma gearbeitet. Offenbar sehr gut, denn der Chef habe gefragt, ob er nicht noch andere Leute kenne, die auch kommen wollten. „So kam mein Vater nach Schramberg.“
Nach zwei einsamen Jahren holte er seine Familie nach. Für seine Oma brach eine Welt zusammen: die Enkel Nilgün und Ergun weg, der Sohn, die Schwiegertochter im fernen Deutschland. Seine Oma habe darunter sehr gelitten, erinnert sich Can. Sie wurde krank und starb 1965. In den Sommerferien seien sie immer nach Istanbul gereist und hätten den Großvater besucht, erinnert sich Can.

In Schramberg hätten die Eltern sich bei der Arbeit und mit den Nachbarn mehr schlecht als recht verständigen können, sie hätten kaum Deutsch gekonnt. „Über Sprache hat man sich damals keine Gedanken gemacht.“ Sprachkurse für Neuankömmlinge waren kein Thema. Das waren Gastarbeiter, die nach ein paar Jahren sowieso wieder gehen, dachte man allgemein. Welch ein Irrtum.
Freundlich aufgenommen
Die Schramberger Stadtgesellschaft habe seine Geschwister und ihn sehr freundlich aufgenommen. Ergun besuchte in Schramberg den Kindergarten und die Schule. Da seine Eltern „bildungsnah“ waren, hätten sie dafür gesorgt, dass alle drei Geschwister ihren schulischen Weg machten – „obwohl sie das deutsche System ja gar nicht kannten“.
Nach einer Lehre als Industriemechaniker bei Junghans studierte Can auf dem zweiten Bildungsweg und wurde 1986 Ingenieur. Seine Schwester arbeitete etwa drei Jahrzehnte als Eventmanagerin bei einer Schramberger Werbeagentur.
Eine alte Freundin: Gisela Lixfeld
Inzwischen ist Gisela Lixfeld im Café eingetroffen. Die beiden begrüßen sich überaus herzlich. Sie kennen sich seit Beginn der 80er Jahre. Lixfeld war die junge Leiterin des Stadtmuseums. Damals sei ein „junger Kerle“ aufgetaucht und habe ihr eine Maske der Falkenhexen fürs Museum verkaufen wollen, erinnert sie sich an ihre erste Begegnung. Dafür habe das Museum kein Geld gehabt. Ergun habe sie dennoch zum Essen bei den Eltern eingeladen und das sei „toll interessant“ gewesen.

Ein paar Jahre später habe sie dann im Zusammenhang mit einer Fasnetsausstellung im Museum Kontakt zum damaligen Süddeutschen Rundfunk gehabt und von einem „Exoten“ erzählt, der als gebürtiger Türke Fasnetsmasken schnitze. So wurde die Geschichte landesweit bekannt. Martin Blümcke, Redakteur des SDR und in der südwestdeutschen Fasnet eine bekannte Größe, nahm Ergun Can in das Buch über die südwestdeutschen Maskenschnitzer auf.
Die Falkenhexen mit türkischen Wurzeln
Mit seinen Freunden vom Fußball hatte sich Can an den Umzügen mit Hexenmasken aus Plastik beteiligt. Can wollte aber richtige Masken aus Holz. Auf Vermittlung seines damaligen Werklehrers Sigger Hafner habe Siegfried Schaub ihn damals unter seine Fittiche genommen, so Can. Schaub habe ihm gezeigt, wie das Maskenschnitzen geht. Gemeinsam mit Freunden gründete Can die „Falken-Hexen“.

Viele Jahre später 2011 organisierte Lixfeld eine große Ausstellung „Zwischen zwei Welten“. Sie beschäftigte sich mit den Zuwanderern in Schramberg. Einer der Interviewpartner der damaligen Ausstellungsmacherinnen Heike Frommer und Brigitte Mohn war Can. „Ich durfte damals die Eröffnungsrede halten“, erinnert er sich.
Er habe damals schon lange nicht mehr in Schramberg gelebt, aber der Bezug war noch sehr gegenwärtig. Besonders mit der Familie Christel und Manfred Arnold in der Tiersteinstraße war der Kontakt sehr eng – und ist es mit Christel Arnold bis heute.

Cans Weg beruflich, geografisch, privat ging dann weit weg von Schramberg bis er schließlich in Stuttgart eben am Nesenbach heimisch wurde. Dort begegnete er – inzwischen Sozialdemokrat – auch dem Genossen Edzard Reuter.
Der Gewerkschafter und der Daimler-Boss
Die beiden hatten eine besondere Verbindung: Reuter war als Kind mit seinen Eltern vor den Nazis in die Türkei emigriert. Die Reuters waren mit dem Zug über die Balkanroute nach Istanbul gereist. „Ich umgekehrt von Istanbul nach Schramberg.“
Sie hätten sich vor 25 Jahren bei einem deutsch-türkischen Forum, das der damalige Oberbürgermeister Rommel mit Reuter in Stuttgart gegründet hatte, getroffen und angefreundet. Reuter habe als Kind türkisch gelernt, er deutsch. „Wir haben uns oft von unseren Erlebnissen in der Kindheit erzählt“, erinnert sich Can an seine Begegnungen mit dem früheren Daimler-Chef.
Auf 90 Seiten und mit einigen Fotos illustriert schildert Can seinen Lebensweg, beschreibt Begegnungen mit prominenten Menschen und seine politischen Erfahrungen. Can wird Konzernbetriebsratsvorsitzender bei Siedle, ist viele Jahre im Stuttgarter Gemeinderat, kandidiert 2013 im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen für den Bundestag.

Am Ende seiner Erinnerungen wird Can nachdenklich: Soll er mit seiner Familie in Degerloch bleiben oder in sein 2018 in der Türkei gekauftes altes Haus ziehen? Trotz aller Integration, beruflichen und politischen Erfolge, Freundschaften und einer großen Lebensleistung, es bleibt ein Leben zwischen zwei Welten.
Das Gerede vom Stadtbild oder gar der Remigration wird vor diesem Hintergrund noch unerträglicher.
Info: Ergun Can: „Vom Bosporus zum Nesenbach – und zurück?“ Erschienen beim R.G. Fischer Verlag. ISBN 978-38301-9394-4. Erhältlich in Schramberg in der „Buchlese“.
Am Sonntag, 7. Dezember ab 11 Uhr liest Ergun Can im Schramberger Schloss aus seinem Buch.